GEISTLICHER IMPULS


Predigt beim Festgottesdienst

aus Anlass von Brigittes 75. Geburtstag am 10. 2. 2018

in der Pfarrkirche St. Katharina in Krickerhau/Handlová (Slowakei):

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich bin überwältigt von Freude, dass ich die Festmesse zu Ehren von Brigitte Irrgangs 75. Geburtstag hier in St. Katharina zu Handlová feiern darf.

 

„Wohin soll ich mich wenden?“, so haben wir zu Beginn der Hl. Messe gesungen. Schubert hat es 1827 komponiert. Die Schubert-Messe hatten zunächst wie auch bei Haydn keinen Erfolg. Aber nach etwa 40 Jahren kam der Siegeszug dieser Lieder. Bei Brigitte dauerte es auch so lange. Brigitte war ein stiller Schatz der Familie, bis plötzlich die Kirche auf mir zunächst unbekanntem Weg auf ihr Leben und Sterben aufmerksam wurde und sie in die Liste der Märtyrer des 20. Jahrhunderts aufnahm. Meine Familie hat das völlig überrascht.

 

Das Lied „Wohin soll ich mich wenden“ beginnt mit einer traurigen Klage und ist dem Buch Hiob entnommen. Aus tiefer Not und Verzweiflung rief Hiob zu Gott. Brigittes Tod war schrecklich. Aber: Unser Glaube bleibt nicht im Dunkel des Todes stehen, sondern ist auf die Herrlichkeit bei Gott ausgerichtet. Wir alle haben unendlich mehr vor uns als hinter uns! Auf Hiobs Frage aus Nacht und Traurigkeit folgt sogleich die Antwort: Bei Gott wird alles gut. Bei ihm wird aus dem Minus ein Plus. Nicht die Hölle triumphiert am Kreuz, sondern Jesus und mit ihm auch alle Märtyrer, ja alle Menschen, die im Glauben an ihn sterben. Brigitte steht für diesen Gedanken: aus der Dunkelheit zum Licht. Sie lebte so. Sie starb so. In Loitz an der Peene, wohin unsere Familie 1946 kam, gedenkt man ihrer als „Sonnenschein“.

 

„Wohin soll ich mich wenden?“ und die anderen Lieder Schuberts aus der „Deutschen Messe“ sind mehrmals von Theologen und Liturgischen Kommissionen aus den Gesangbüchern entfernt worden. Manche andere bekannten Lieder wurden belassen, aber textlich verändert. Das kennen die Gläubigen und ärgern sich, wenn der auswendig gesungene Text plötzlich nicht mehr stimmt. Doch in diesem Fall haben sich die Gläubigen durchgesetzt. In das neue deutsche „Gotteslob“ wurde dieses Lied ohne jede Veränderung aufgenommen. Die Experten mussten sich geschlagen geben. Das gläubige Volk hat sich durchgesetzt.

 

Bei Brigitte haben wir Ähnliches erlebt. Nach der Flucht der Familie aus der sozialistischen DDR in die Bundesrepublik vier Jahre nach Brigittes Tod hatten wir gedacht, dass außer der Familie bald niemand mehr an sie denken würde. Aber die Bevölkerung in Loitz an der Peene in Vorpommern hat das Grab jahrelang so gepflegt, dass es das schönste auf dem ganzen Friedhof war. Nach der Wende 1990 wurde alles anders: Die jungen Leute gingen fort, die älteren Leute starben weg. Die Pfarrei hatte andere Sorgen, und Brigittes Gedenken wurde „offiziell“ wenig begangen. Aber gläubige Menschen fanden einen Weg, der zur Deutschen Bischofskonferenz und nach Rom führte. Zur Jahrtausendwende wurde Brigitte in das Verzeichnis der Zeugen für Christus oder – wie man auch sagt - der „Neuen Märtyrer“ aufgenommen. Niemand von unserer Familie hat dies geahnt.

 

Die Kirche hat diese Märtyrer namentlich benannt und geehrt. Das passt nicht immer und nicht jedem. In den ehemals sozialistischen Staaten Osteuropas hatte man das Christentum zu verdrängen versucht. Man wollte sich die Kirche und das gläubige Volk gefügig machen. Die Taufe sollte ersetzt werden durch die Namensgebungsfeier, die Firmung durch die Jugendweihe. Beim aufmerksamen Hören der heutigen Lesung fühlt man sich an jene Zeiten erinnert. Ist es aber heute in Ost und West und in der Mitte Europas, wie hier in der Slowakei, jetzt so viel besser bestellt mit dem Christentum?

 

Die Akzeptanz für das Martyrium ist nicht gerade berauschend. Erst recht nicht für das „Reinheitsmartyrium“, das „martyrium puritatis“. Man spricht lieber von „Opfern“ statt von Märtyrern. Die Meinungsmacher der dominierenden Medien mögen das entschiedene Zeugnis der Christen nicht. Man drängt den missionarischen Eifer der Kirche zurück. Die postchristliche Öffentlichkeit Europas möchte gern ein aufgeweichtes Christentum oder – wie manche sagen - ein „Wellnesschristentum“. Wieder fühlt man sich an den Text der ersten Lesung erinnert. Denn die Jeróboams unserer Tage verwischen die Religionen. Papst Benedikt XVI. sprach oft von der „Diktatur des Relativismus“.

 

Bei einer Zugfahrt in der vorigen Woche kam es zu einer Debatte: In meinem Großraumwagen saß eine Runde von Leuten mittleren Alters. Und wie so oft, wenn ich im Zug sitze, werde ich angesprochen, weil man ja sieht, dass ich Priester bin. Manchmal beginnt eine Unterhaltung mit einem lauten Räuspern. Dann weiß ich, dass ich mein Brevier zuschlagen muss, weil jemand etwas fragen will. Meist beginnt es mit einer banalen Frage: „Sie sind Pfarrer?“ – Ja, offensichtlich. „Äh, dürfen Sie immer noch nicht heiraten?“ Oder eine ähnliche Frage. Diesmal sagte der Mann, der mir schräg gegenübersaß: „Herr Pfarrer! Ich war mal Ministrant! Aber jetzt glaube ich an nichts mehr. Ich bin in der Welt herumgekommen und habe alle Religionen kennen gelernt. Alles nur Phantasie und Psychologie! Ich glaube an all das Zeug nicht.“ Ich fragte zurück: „Gibt es irgendwen, an den Sie glauben, Ihre Frau, Ihren Freund?“ – „Nee, an die nicht, aber: Ich glaube an den „Gut-Menschen“, der auch ohne Glauben Gutes tut.“ „Ach Sie Ärmster“, meinte ich, „Das kann nicht stimmen. Sie glauben nicht an den besten Menschen, den es je gegeben hat, an Jesus Christus? An den glauben Sie nicht, aber an den Gut-Menschen. Welch tragischer Irrtum!“ Plötzlich wurde es ganz still im Zug…

 

Wir dürfen die Helden des Glaubens nicht vergessen, die wahren Lichtgestalten der Kirche, die Märtyrer. Sie sind keine „Gutmenschen“, sondern Heilige. Die Lichtgestalten des Glaubens triumphieren am Ende, oft wird ihr Licht erst nach ihrem Tod sichtbar. Auch in der Slowakei gibt es diese großen, leuchtenden Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Sie dürfen nicht vergessen werden! Mit welcher Freude denke ich an das Jahr 2004, dem 50. Todestag von Brigitte, als von hier, von Handlová, ein ganzer Bus nach Vorpommern reiste, um Brigitte zu ehren und bei der Enthüllung des Denkmals dabei zu sein. Die karpatendeutsche Gruppe zusammen mit vielen Angehörigen dieser Pfarrei hat dort, im Nordosten Deutschlands, einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Daran erinnern die Fototafeln, die der Stadt und der Pfarrei nachher übergeben werden.

 

Zu Brigittes 60. Todestag wurde ein musikalisches Großwerk beschlossen. Es wurde voriges Jahr vom weltberühmten Permoník-Chor aus Karviná uraufgeführt. Zum Teil sangen damals die Eltern der Kinder, die heute hier in Handlová singen. Permoník hat eine besondere Fähigkeit, das, was mit Worten nur schwer zu vermitteln ist, das Reinheitsmartyrium, wunderbar verständlich zu machen durch ihre geradezu metaphysische Klangkultur. Ich bin daher nicht nur den Krickerhauern, den Gläubigen aus der Umgebung von Handlová, sondern eben auch diesem Chor von Herzen dankbar. Ihr seid alle so großartig, dass man am liebsten still wird, um dem Herrn aus tiefster Seele zu danken, dass es Euch gibt!

 

Bestimmt werden wir in einigen Monaten die DVD vom Oratorium vom katholischen Fernsehsender EWTN erhalten, der das Oratorium live übertragen hat. Es gibt auch eine gewisse Hoffnung, dass TV LUX eben dieses Oratorium senden wird, wenn inzwischen die slowakischen Untertitel erstellt und eingepflegt wurden. ist. Ich möchte es mit einem sportlichen Bild ausdrücken: Manche Fußballfans haben zur der Hälfte der Spielzeit Sorge, dass ihr Lieblingsverein absteigen könnte. Die größte Freude herrscht, wenn sie dann erleben, dass ihr Verein in die höhere Liga aufsteigen darf. Mit Brigitte erlebe ich das immer wieder. Wenn ich denke, es scheint mit der Brigitte-Geschichte kaum weiterzugehen, dann entsteht plötzlich Großes, so wie heute hier in Handlová.

 

Ich kann aus eigener Erfahrung nur ermuntern, Brigitte gern in persönlichen Anliegen anzurufen. Dabei muss man sich manchmal etwas wundern. Ich drücke es mit einem Vergleich aus: Wenn ich sie um einen Apfel bitte, liegt vielleicht eine Banane auf dem Tisch. Oder: Ich bitte um ein Stückchen Brot – und werde eingeladen zu einem Sonntagsbraten. Manchmal bitte ich sie um die Gesundheit eines lieben Menschen, und ich höre später von seiner Bekehrung. Vielleicht erlaubt sie sich diese Scherze nur mit ihrem kleinen Brüderchen, auf den sie zu Lebzeiten immer aufpasste. Das Evangelium des heutigen Tages berichtet von der außergewöhnlichen, wunderbaren Brotvermehrung, durch die die Menschen Jesus erkannten. Seien wir dankbar auch für die vielen kleinen Wunder im Alltag unseres Lebens. Es gibt diese Zeichen göttlicher Barmherzigkeit öfter als wir meinen.

 

So ist Brigitte „aus dem Nichts“ von Jahrzehnt zu Jahrzehnt unaufhörlich bekannter geworden und gibt uns auch in dunklen Stunden Mut und Hoffnung, dass auch wir uns einmal mit der Fürsprache der hl. Katharina, der Patronin von Brigittes Taufkirche, der Fürsprache aller Engel und Heiligen, vor allem auf die mächtige Fürsprache der Mutter Gottes, in der Herrlichkeit des Himmels bei der Hochzeit des Lammes wiedersehen. Amen.

 

Dr. Peter H. Irrgang


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Wilhelm und Joly Irrgang fuhren von Schicksalsschlägen bestimmt immer wieder ab. Und trotzdem kamen sie an: als beliebte Pädagogen, als leidgeprüfte und gerade dadurch gereifte Persönlichkeiten. Zu beider 100.Geburtstag führt das Buch anhand der Erinne­rungen Wilhelm Irrgangs durch die Stationen ihres Lebens.

Die großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts bilden den Hintergrund der Erinnerungen an die kleinstädtische Idylle der Zips und des Hauerlandes in der heutigen Slowakei, an die politischen Spannungen zwischen Tschechen und Slowaken und später auch Deutschen in Wilhelm Irrgangs Zeit als Soldat und an die Bildungsinitiativen für die Bevölkerung des Hauerlandes. 1946 vertrieben kam Wilhelm Irrgang mit seiner inzwischen 8-köpfigen Familie in die kleine Stadt Loitz in Vorpommern. Er wurde Rektor der dortigen Schule und baute eine Oberschule auf, richtete Internate für die Schüler ein und förderte die Kultur durch Theaterspiel, Chor und Orchester.

Die Flucht in den Westen Deutschlands wurde im Sommer 1958 unter dem wachsenden Druck der „Partei“, der SED,unausweichlich. Bis zu ihrer Pensionierung wirkten Wilhelm und Joly Irrgang als Lehrer in Linz am Rhein. Im hohen Alter schloss sich für beide der Lebenskreis.Die Hoffnung, ihr Leben eines Tages zu vollenden, erfüllte sich gewiss für beide: Sie kamen am Ziel des Lebens an.

Der Leser darf diese faszinierende Persönlichkeitsentwicklung mitverfolgen und erfährt dabei neben vielen sympathischen Details auch die schicksalhaften Härten und die persönlichen Enttäuschungen, vor allem aber die Kraft einer Familie, die zusammenhält.

 

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